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TAGES-ANZEIGER ARTIKEL
VOM 9. OKTOBER 2002
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Künstler als Tarnung
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Luca Ganssers Lebensgeschichte liest sich wie
ein Abenteuerbuch.
Heute ist Gansser eine Art Befreiungskünstler.
Von Paula Lanfranconi
Im alten Güterschuppen beim Bahnhof Herrliberg ragen totemähnliche
Objekte in die Höhe. Einige sehen aus wie aufeinander schwebende
Samenkapseln, anderen haften kleine Muscheln an, sie verraten so
etwas über die Herkunft dieser federleichten Gebilde. Es sind
Schwimmkörper von Fischenetzen, mit denen thailändische,
burmesische und indonesische Fischer ihre Barracudas und Thunfische
an Land zogen. An den Wänden hängen Luca Ganssers Ölbilder
- Pagoden und, Mandalas in satten Rot- und Goldtönen. Andere
Motive strahIen Sinnlichkeit aus und tragen Titel wie «Hibiscus
Dance» oder «Prelude to a Kiss».
Luca Gansser macht es den Galeristen nicht einfach. Sie halten
ihn für einen spirituellen oder esoterischen Maler. Er widerspricht:
«Ich bin keiner Religion oder Ideologie verpflichtet. Eigentlich
bin ich Künstler als Tarnung, damit ich so leben kann, wie
ich bin.» Luca Ganssers Lebensraum ist die ganze Welt. Das
begann schon in seiner Kindheit. Als Sohn eines Geologen reist er
von einem Ölfeld zum andern. Der Vater möchte, dass Luca
studiert. Doch der will Maler werden. Als Kompromiss beginnt er
in Zürich eine Grafikausbildung. Aber bald zieht es ihn wieder
hinaus in die Welt.
Als Hippie in den USA
Es ist die Zeit der; Hippies. In einem alten VW-Bus tuckert der
26-Jährige durch die USA, landet in Haight Ashbury, der berühmten
Kommune, wo die späteren Whizz Kids des Silicon Valley gegen
Militarismus und Leistungsgesellschaft protestieren. Gansser malt
unter dem bewusstseinserweiternden Einfluss von LSD und Marihuana.
Er spielt Rockmusik in Heimen für ledige Mütter und töpfert
mit den Insassen eines Jugendgefängnisses. Dann gehts für
vier Jahre nach Mexiko.
Seine Malerei wird immer farbiger. Er verbringt auf Einladung
des Königs von Bhutan, eines Freundes seines Vaters, ein paar
Wochen bei einem Thanka-Maler. Der Mönch lehrt ihn, «dass
jeder Pinselstrich mit Liebe ausgeführt werden soll».
Nur vorübergehend sesshaft
Nächste Station ist die Toscana. Dort baut Gansser zusammen
mit Freunden eine Kommune auf, «So richtig archaisch, mit
Lendenschurz und ohne Strom.» 1974, mit der Geburt seines
Sohnes, Sambo, wird das Leben vorübergehend sesshafter. Nach
einem Abstecher über Mexiko lässt sich Gansser mit seinem
inzwischen schulpflichtigen Sohn im Tessin nieder. Um Geld zu verdienen,
malt er Bühnenbilder für die Steiner-Schule und kommt
in Kontakt mit lokalen Künstlern. Es ist Mitte der 80er-Jahre
die, Intellektuellenszene boykottiert das südafrikanische Apartheid-Regime.
«Ich fand das falsch», sagt Luca Gansser, «weil
man damit nur das, Volk trifft.» Er reist mehrmals nach Soweto,
macht Workshops für junge Schwarze: «Es war eine riesige
künstlerische Energie da, wir konnten mit, Malerei und Theater
zeigen, was dort unten eigentlich abging.»
Seit sein Sohn erwachsen ist, reist Luca Gansser wieder.
Jüngst e Station ist das Grenzgebiet zwischen Südthailand
und Burma. Dort, im paradiesischen Mergui-Archipel, trifft er auf
Seelenverwandte, die so genannten Meerzigeuner oder Moken. Er begleitet
einen französischen Ethnologen auf seinen Expeditionen: «Wir
wussten, dass dieses Gebiet in wenigen Jahren voller Touristen sein,
wird. Die Kultur der Sea Gypsies wird wohl verschwinden.»
Inzwischen haben Thailand und Singapur bereits zwei Inseln gekauft
und Spielkasinos gebaut. Für Luca Gansser Zeit, zu gehen.
Engagement in Osttimor
An seinem nächsten Ziel,: Osttimor, gibt es keine Touristen:
Das abziehende indonesische Militär hat die Insel 1999 in Trümmer
gelegt. Luca Gansser ist ein emotionaler Mensch. Der Gedanke, dass
von den 800 000 Bewohnern 250 000 umgebracht oder vergewaltigt wurden
und dass die ganze. Welt weggeschaut hat, treibt ihm Tränen
in die Augen. «Fast nur Junge haben überlebt, und. sie
haben kaum Perspektiven.» Er will helfen, Im neuen Kulturzentrum
wird er einen Raum mieten, wo jugendliche, die sich mit Kunst befassen
möchten, zu Material kommen können. Es werden, wie in
Soweto, ganz. einfache Materialien sein: rezyklierte Kunststoffe,
Sägemehl, Affichen aus Blech.
Luca Ganssers Leben ist n icht denkbar ohne Gabriella, seine Frau.
Mehr als ein Vierteljahrhundert sind sie zusammen. «Mit ihr
kann man den Drachen am Schwanz packen», meint er verschmitzt.
Luca Gansser ist jetzt 57. Darüber, wo und wie er im Alter
leben möchte, macht er sich keine Gedanken, denn plötzlich
kann alles ganz anders sein: «Wenn man sich bewusst ist, dass
man morgen tot sein könnte, würde man den Tag viel mehr
geniessen und viel gescheitere Dinge tun. Durch die Planerei rennen
wir wie verrückt durch die Welt und die Zeit und verpassen
das. Schönste, das gleich nebenan ist.»
© Tamedia AG
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